29.06.2020 13:40 // Frauenarzt mit ausgeprägtem Erfindergeist

Dr. med. Hamid Huschmand Nia, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe 1, ist ein Frauenarzt mit ausgeprägtem Erfindergeist. Mittlerweile hat er bereits 65 Patente angemeldet.

Sie erfinden immer wieder Instrumente, die für Ihr Fachgebiet hilfreich sind. Wie kommt es dazu?
Dr. med. Hamid Huschmand Nia: Es gab schon immer Mediziner, die ihre Arbeitsutensilien selbst erfunden haben. Auch heute noch tragen daher viele Instrumente den Namen des Erfinders. Zum Beispiel steht der Begriff „Wertheim“ für eine Klemme, die der Chirurg Ernst Wertheim (1864-1920) erfunden hat. Es ist völlig normal, dass Ärzte eigene Verfahren, Instrumente oder Hilfsmittel für das jeweilige Fachgebiet selbst beschreiben und entwickeln. Und im Grunde mache ich nichts anderes – nur dass ich es vielleicht häufiger als andere Kollegen mache.

Woher bekommen Sie Ideen für neue Produkte?
Wenn ein Verfahren in meinen Augen nicht gut genug ist, überlege ich mir, wie ich das ändern könnte. Man kann natürlich auch zuerst auf dem Markt recherchieren, ob es zu dem Problem bereits Lösungen und Produkte gibt. Oder man überlegt sich selbst etwas. Im Prinzip tue ich genau das seit nunmehr 20 Jahren. Wenn ich eine Idee habe, lässt sie mich so schnell nicht los. Ich beginne mit Zeichnungen und Produktbeschreibungen und spreche mit meinen Ingenieuren über die Idee. Ich fertige in meiner Werkstatt Entwürfe an, woraufhin ich Muster an die Hand bekomme, die überprüft werden. Doch längst nicht jede Idee wird auch zu einem Produkt und nicht jedes Produkt ist auch erfolgreich.

Was war eine Ihrer ersten Erfindungen?
Als ich noch an der Universität Göttingen studiert habe, suchte ich während meiner zytologischen Untersuchungen im Labor nach einer Methode, die zu einem besseren und zellschonenderen Ergebnis beim Gebärmutterhalsabstrich führt. Die Abstrich-Stäbchen, die es in Form von Watte oder Bürsten gibt, zerstören nämlich die Zellen und sind in der Anwendung für den Arzt nicht optimal.

Meine Erfindung ist ein Abstrich-Stäbchen mit einem Schaumstoffkopf, der dazu beiträgt, dass die Zellen beim Abstrich viel besser erhalten bleiben. Außerdem ist die Handhabung viel praktischer, weil man das Stäbchen über die gesamte Fläche abrollt, während man bei den anderen Stäbchen mühsam tupfen muss. Die kratzenden Bürstenstäbchen zerstören die Zel-len und ergeben kein sauberes Bild für den Zytologen.

Mein Produkt heißt „Papcone“ und ging 2006 auf den Markt. Mittlerweile wird jeder 3. Ab-strich in Deutschland damit gemacht. Das sind circa 3 Millionen Abstriche im Jahr. Aktuell sind wir dabei, noch eine verbesserte Version zu entwickeln. Dabei arbeiten wir am automatischen Zuschnitt des Schaumstoffes, sodass der Schaumstoff nicht noch an das Stäbchen geklebt werden muss. Das wird sich wiederum in einer einfacheren und kostengünstigeren Produktion niederschlagen.

Gibt es weitere Produkte, die Sie entwickelt haben?
Eine andere Erfindung ist ein wenig komplexer: Sie heißt X-Ray-Matrix und wird bei der Entfernung von bösartigen Knoten aus der Brust angewandt. Noch während der Operation kann ich das entfernte Gewebe in diese Vorrichtung legen und so fixieren, wie ich es aus der Brust der Patientin entfernt habe. Das heißt, der Radiologe kann mittels dieses fixierten Gewebes alle sechs Richtungen röntgen und mir noch während der OP mitteilen, ob alles, was bösartig war, entfernt werden konnte. Ich erspare der Patientin damit eine zweite Operation. Auch der Pathologe, der das Gewebe untersucht, bekommt das Bild und die Lage des Knotens geboten, das er für eine akkurate Diagnostik benötigt.

Andere Operateure markieren das bösartige Gewebe mit Fäden oder Klips, die allerdings auf dem Transport in die Pathologie oder zum Röntgen verrutschen können. Das heißt, der Mitarbeiter dort muss dann überlegen, wie der Operateur die Markierung gemeint hat. Ein solches Verfahren praktizieren einige Kliniken und es funktioniert auch, solange Operateur, Radiologe und Pathologe eingespielt sind und sich im Vorfeld auf einen Markierungscode geeinigt haben. Die Fehlerquelle ist dabei jedoch höher als bei der Anwendung der X-Ray.Matrix, weil der Radiologe die Lage des Knotens einfach nur ablesen muss.

Die X-Ray-Matrix verhindert jegliches Verrutschen des Gewebes. Und durch die Markierungen am Gestell kann jeder ohne vorherige Abstimmung sehen, wo oben, unten, vorne, hinten und links und rechts ist. Die X-Ray-Matrix wird in der Westpfalz produziert und kostet keine 20 Euro. Sie erspart der Patientin eine Resektion. Und wir haben damit neue Operationskapazitäten für andere Patienten frei.

Worum handelt es sich bei dem Uterus-Atonie-Korsett, das ebenfalls aus Ihrer Werkstatt stammt?
Nach der Geburt muss sich die Gebärmutter wieder verkleinern. Tut sie das nicht, würde die Frau anfangen massiv zu bluten. Solch eine Blutung kann unter Umständen lebensgefährlich sein, weil die Wundfläche groß ist. Die blutstillenden Medikamente, die wir der Mutter bei einer Uterus-Atonie geben, senken jedoch den Blutdruck stark und der Kreislauf der Mutter fährt herunter. Ein schwacher Kreislauf und starker Blutverlust können lebensbedrohlich werden.

Nach der Geburt ist die Gebärmutter noch ziemlich groß. Um sie dazu zu bringen, sich zu verkleinern und um die Blutung schneller und adäquat behandeln zu können, habe ich eine Art Korsett erfunden, das am offenen Bauch um die Gebärmutter geschnürt wird. Damit die Eileiter und Eierstöcke unbeschadet bleiben, haben wir dafür seitliche Aussparungen geformt. Die Blutung wird durch den Druck, der das Korsett auf die Gebärmutter ausübt, gestoppt und der Operateur gewinnt wertvolle Zeit, um die blutende Arterie operativ zu schließen.

Alle drei Erfindungen haben eins gemeinsam: Sie sind keine teuren Produkte. Aktuell sind wir bei 65 Schutzrechten also Patentanmeldungen, die ich beim Deutschen Patent- und Markenamt eingereicht habe. Darunter ist beispielsweise auch ein Gentherapiekonzept, das wir aufgrund von fehlenden Investoren nicht weiter verfolgen konnten. Ich beschäftige mich also nicht nur mit mechanischen Erfindungen, sondern auch mit „echter Forschung“.

An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?
Aktuell habe ich vier neue Produkte, die in der Entwicklung sind. Eins davon ist eine Spirale. Bei einem anderen Projekt forsche ich, wie man das Verfahren der Bauchspiegelung vereinfachen kann. Dabei kommt mir die Corona-Krise tatsächlich insofern entgegen, als die Infrastruktur für meine Produkte besser ist. Denn die produzierenden Firmen haben freie Kapazitäten und suchen nach neuen Produkten.