10.10.2019 09:26 // Stress im Job und Stress zu Hause

Konzentrationsprobleme, Angstzustände, Schlafstörungen – die Zahl der Krankmeldungen wegen psychischer Belastungen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Dr. med. Alexander Jatzko, Chefarzt der Klinik für Psychosomatik, klärt über Ursachen und Konsequenzen auf.

Dr. med. Alexander Jatzko, Chefarzt der Klinik für Psychosomatik

Warum sind Menschen heute psychisch kränker als vor zehn oder zwanzig Jahren?
Dr. Jatzko: Die Belastungen haben insgesamt zugenommen. Durch die Digitalisierung des Lebens ist alles schneller geworden. Wir müssen alles schneller machen. Es herrscht mehr Druck im Arbeits- und auch im Privatleben. Selbst Kinder fühlen viel mehr Druck. Durch diese Belastungen werden Menschen heute häufiger als früher psychisch krank.

Ist es der Arbeitsalltag, der mehr stresst, oder ist es das private Leben?
Das Problem ist vielschichtig. In der Zeit von 2000 bis heute hat sich die Zahl der Menschen, die aus psychischen Gründen arbeitsunfähig sind, weit mehr als verdoppelt. Die Digitalisierung, die in diesem Zeitraum stark zugenommen hat, hat diese Entwicklung deutlich gefördert. Früher sind wir nach Hause gekommen, um zur Ruhe zu kommen. Heutzutage fängt das Leben erst an, wenn wir nach Hause kommen. Durch unsere Smartphones bringen wir auch viel von unserer Arbeit mit nach Hause. Viele liegen mit dem Smartphone im Bett, checken E-Mails, schauen Nachrichten. Eigentlich sollte man ruhiger werden, um schlafen zu können. Aber mit vielen Gedanken kann man nicht schlafen. Das wirkt sich wiederum auf die Leistungsfähigkeit und auf die psychische Belastbarkeit aus.

Hat die Digitalisierung auch zur Arbeitsverdichtung geführt?
Durch die Digitalisierung ist nicht weniger Arbeit da, sondern mehr in kürzerer Zeit. Alles muss viel schneller gehen. Wenn Sie heute eine E-Mail schreiben und der Empfänger meldet sich nicht innerhalb von wenigen Minuten zurück, rufen Sie an und fragen nach. Dadurch sind wir im Arbeitsprozess abgelenkter. Wir können nicht mehr an einer Sache dranbleiben. Für Menschen mit einem Burnout ist das ein Grund, warum sie immer kränker geworden sind. Multitasking funktioniert nicht. Wenn wir zwei Sachen gleichzeitig machen, können wir beide Sachen nicht mehr richtig machen.

Sind nur Berufstätige davon betroffen?
Durch die Neuen Medien hat der Druck auf die Gesamtgesellschaft zugenommen. 50 Prozent aller Kinder schauen mittlerweile Serien im Internet und auf Netflix. Auch sie schlafen weniger, wenn sie ihre Handys nachts mit im Schlafzimmer haben. Das gab es früher nicht. Der Druck, sich dauernd etwas anschauen zu müssen und dauernd Neuigkeiten haben zu müssen, ist immens gestiegen. Für Menschen, die sehr unter Druck stehen und jetzt noch mehr Druck bekommen, ist das zu viel. So fangen psychische Erkrankungen und Belastungsstörungen an.

Steckt die Generation, die damit aufwächst, das besser weg?
Wenn man die Lebenszufriedenheit von Kindern und Jugendlichen betrachtet, ist diese in den vergangenen zehn Jahren gesunken. Der Druck hat zugenommen. Die Kinder fühlen sich gestresster durch digitale Medien. Sie müssen dauernd etwas tun und kommen nicht mehr zur Ruhe. Das spiegelt sich auch in den Zahlen von Kindern und Jugendlichen wider, die in psychiatrischen Einrichtungen behandelt werden. Diese sind auch deutlich gestiegen. Kinder, die ein bis zwei Stunden am Tag mit digitalen Medien umgehen, sind am glücklichsten. Wer drei bis vier Stunden am Tag am Tablet oder Smartphone sitzt, wird eher sagen, dass er nicht glücklich ist.

Was sind die ersten Symptome einer Stresserkrankung?
Viele Betroffene merken, dass Sie sich schlechter konzentrieren können, dass sie aufgeregter und angespannter sind. Wenn eine Ablenkung kommt, reagieren sie aggressiver, weil sie nichts mehr in Ruhe machen können. Damit fängt es ganz häufig an. Sie spüren den Druck, dass sie ihre Arbeit nicht mehr geregelt bekommen. Und auch zu Hause kommen sie nicht mehr runter, sondern sind gedanklich mit der Arbeit beschäftigt. Wenn die unteren unbewussten Gefühlszentren irgendwann sagen, mir ist das alles zu viel, bekommen wir Symptome. Das können alle Symptome sein, die die unteren Gefühlszentren bewirken können: Angstzustände, Panikattacken, Schmerzen.

Können also auch organische Beschwerden Folgen einer Stresserkrankung sein?
Bei einem gesunden Mensch ist der Kortison-Spiegel – Kortison ist eines der Haupt-Stresshormone – morgens hoch und abends niedrig. Bei einem Mensch mit einem Burnout-Syndrom ist er abends genauso hoch wie morgens. Das heißt, er kommt abends gar nicht mehr runter, wird gar nicht mehr ruhiger, sondern bleibt auf diesem Anspannungsniveau. Und das hat natürlich auch körperliche Konsequenzen.

Was kann man dagegen tun, bevor es zu spät ist?
Wir müssen jetzt lernen, Regeln für uns selbst aufzustellen. Nur so können wir ein diszipliniertes Leben mit diesen Neuen Medien haben. Das heißt: Wir sollten nur ein bis zwei Stunden am Tag am Smartphone verbringen. Wichtig ist, das Handy nachts aus dem Zimmer zu nehmen, damit wir nicht gestört werden. Außerdem sollten wir das Handy beim Essen weglegen. Das sind Regeln, die wir beachten sollten, um unser Leben wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Wie können Arbeitgeber dabei unterstützen?
Dadurch dass es immer weniger Arbeitnehmer gibt, müssen Arbeitgeber mehr in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren. Zum Beispiel gibt es Sportprogramme oder Entspannungskurse. Arbeitgeber versuchen einiges zu tun. Wichtig ist aber auch, dass sich Arbeitnehmer in der Freizeit vom Arbeitsprozess lösen und ruhiger werden. Schlaf ist sehr wichtig. Je weniger wir schlafen, desto mehr sind wir psychisch belastet. Wenn wir unser Smartphone im Bett haben, heißt das oftmals, dass wir weniger schlafen. Das zeigen ganz viele Studien.

Welche Erwartungen haben Sie für die Zukunft?
Anfangs wussten wir nicht, wie wir mit der Digitalisierung umgehen sollen. Alles war so neu und interessant. Jetzt lernen wir langsam, Regeln aufzustellen und uns zu disziplinieren. Dadurch wird die psychische Belastung in diesem Sektor in Zukunft wieder sinken. Und wir können uns wieder mehr mit uns selbst befassen und nicht mehr mit der ganzen Welt.

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