20.05.2019 08:15 // Kompetente Hilfe bei Schluckstörungen

Husten, wiederholte Lungenentzündungen und eine unzureichende Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit – das können Folgen einer Schluckstörung sein. Doch wie entstehen Schluckstörungen und wie können sie behandelt werden? Dr. med. Heiko Bittmann, Chefarzt der Klinik für neurologische und neurochirurgische Frührehabilitation an unserem Standort in Kusel, informiert.

Dr. med. Heiko Bittmann, Chefarzt der Klinik für neurologische und neurochirurgische Frührehabilitation am Standort Kusel

Welche Ursachen für Schluckstörungen gibt es?
Es gibt Ursachen, die direkt im Bereich des Rachens oder des Kehlkopfs liegen. Hier kommen Entzündungen, Schwellungen, Tumore in Betracht. Diese Erkrankungen sind Gegenstand der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder der Thoraxchirurgie.

Die zweite große Gruppe der Schluckstörungen begründet sich auf eine fehlerhafte Ansteuerung des Schluckapparates durch die zuständigen Nervenbündel. Hier kommen sämtliche Nervenerkrankungen sowohl im Gehirn als auch im peripheren Nervensystem in Betracht. Dabei kann es zu einer mangelhaften Koordination des Schluckens oder zu einer fehlenden Auslösung aufgrund eines fehlenden Oberflächengefühls kommen. Folge kann aber auch eine verminderte Schluckfrequenz bei einer allgemeinen Störung des zentralen Nervensystems sein.

Wie können Sie herausfinden, wo genau das Problem beim Schlucken liegt?
Zunächst ist die Vorgeschichte des Patienten wesentlich: Häufige Lungenentzündungen, verminderte Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, häufiger Schleimauswurf können erste Hinweise auf eine Schluckstörung sein. Als nächstes folgt eine Untersuchung im Bereich derjenigen Nervenbündel, die an der Auslösung und an der Durchführung des Schluckaktes beteiligt sind. Ursachen für die Störung dieser Nervenbündel können entweder im Halsbereich oder auch im Bereich des Gehirns liegen. Hier müssen wir weitere technische Untersuchungen machen.

Weiterhin erfolgt eine fachspezifische Untersuchung durch eine Logopädin oder eine andere im Bereich der fazio-oralen Therapie (FOT) ausgebildeten Fachkraft. Zuletzt besteht die Möglichkeit einer endoskopischen Schluck-Untersuchung. Das heißt, man führt ein Endoskop in den Rachen vor, begutachtet dort die Muskel-Verhältnisse, die Speichelansammlung sowie die Funktion des Schluckaktes nach der Gabe von kleinen Nahrungs- oder Flüssigkeitsmengen.

Treten Schluckstörungen nur bei älteren Menschen auf?
Schluckstörungen sind Auswirkungen einer Vielzahl von neurologischen Erkrankungen. Diese Erkrankungen können Verletzungen, akute Erkrankungen wie Schlaganfall oder Gehirnblutung, chronische Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose sein. Aber auch andere internistische Erkrankungen, zum Beispiel langwierige Entzündungen oder langdauernde Aufenthalte auf Intensivstationen, können zu Schluckstörungen führen. Damit können Schluckstörungen in jedem Lebensalter vorkommen. Aber selbstverständlich häufen sie sich wie viele Erkrankungen im höheren Lebensalter.

Wie können Essen und Trinken funktionieren, wenn jemand eine Schluckstörung hat? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Die Maßnahmen zur Sicherstellung der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme müssen sich am Schweregrad der Schluckstörung und am Bedarf des Patienten orientieren. Bei nur leichten Störungen reicht die Aufklärung des Patienten über die Ursache aus. Gegebenenfalls lenken wir seine Aufmerksamkeit während der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme auf den Schluckakt und die Anpassung der Nahrungskonsistenz.

Bei schweren Schluckstörungen kann eine fachspezifische Therapie notwendig werden: die fazio-orale Therapie (FOT). Diese wird von Logopäden mit entsprechender Zusatzausbildung durchgeführt. Bei wiederholter Gefahr einer Lungenentzündung durch Einatmen von Nahrung oder Flüssigkeit kann die vorübergehende Gabe über eine Ernährungssonde notwendig werden. Dabei kann ein Teil oder der komplette Bedarf an Nahrung und Flüssigkeit über die Sonde gedeckt werden. Als letzte Konsequenz bei schwer betroffenen Patienten müssen wir auch die Anlage eines Luftröhrenschnittes und die Anlage einer Trachealkanüle zur Abschirmung der Lunge vor Einatmung von Nahrung in Erwägung ziehen.

Sind Schluckstörungen heilbar?
Die Erfolgsaussichten der Schlucktherapie hängen von vielen Faktoren ab: vom Ausmaß der Schluckstörung, von Art und Schwere der zur Schluckstörung führenden Grunderkrankung, von weiteren Erkrankungen und Funktionseinschränkungen seitens des Patienten. Durch konsequente Logopädie und andere medizinische, pflegerische und physikalische Maßnahmen kann in der Regel eine deutliche Besserung der Schluckfunktion erreicht werden. In vielen Fällen ist auch eine komplette Ausheilung der Schluckproblematik möglich.

Im Rahmen der Vortragsreihe „Gesundheitsforum am Mittwoch“ referiert Dr. med. Heiko Bittmann am Mittwoch, 5. Juni um 19:00 Uhr in der Kapelle des Westpfalz-Klinikums in Kusel. Das Thema lautet: „Nahrungsaufnahme bei neurologischen Schluckstörungen“.