18.10.2018 06:00 // „Herzschrittmacher sind technische Wunderwerke“

In der Klinik für Innere Medizin 2 werden jährlich rund 700 Herzschrittmacher-Operationen durchgeführt. Die Implantation ist längst zum Routine-Eingriff geworden. Im Interview spricht Chefarzt Prof. Dr. med. Burghard Schumacher über die Fortschritte in der Forschung und das Leben mit einem Herzschrittmacher.

Prof. Dr. med. Burghard Schumacher, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 2

Der erste Herzschrittmacher war so groß wie eine Schuhcremedose und hielt nur wenige Stunden. Was hat sich seitdem getan?
Prof. Schumacher: Die heutigen Herzschrittmacher sind technische Wunderwerke. Sie sind wesentlich kleiner als die damaligen Geräte und halten mehrere Jahre. Mittlerweile können sie die elektrischen Impulse, die sie abgeben, auf den Bedarf des Patienten abstimmen. Sie erkennen, welchen Puls der Patient benötigt, wenn er zum Beispiel Sport macht oder wenn er schläft. Und sie erkennen, welche Impulsstärke notwendig ist. Die modernen Herzschrittmacher sind von außen programmierbar. Außerdem speichern sie die Daten ihrer Patienten und geben Aufschluss darüber, ob Rhythmusstörungen aufgetreten sind. Sie können ihre Daten sogar drahtlos dem zuständigen Arzt übermitteln.

Wann raten Sie Ihren Patienten zu einem Schrittmacher?
Manche Krankheiten des Herzens führen zu einer langsamen Herzfrequenz mit der Folge, dass die Durchblutung von Gehirn, Organen und Muskulatur unzureichend ist. Eine Folge kann zum Bespiel Bewusstlosigkeit sein. Im EKG ist erkennbar, ob „Leitungskabel“ oder „Zündkerzen“ ausgefallen sind. In beiden Fällen ist ein Herzschrittmacher sinnvoll. Dieser kann über elektrische Impulse das Reizleitungssystem des Herzens zumindest teilweise ersetzen. Er veranlasst das Herz, bei zu langsamer Frequenz schneller zu schlagen. Welche Art Schrittmachersystem ein Patient benötigt, hängt von seiner Erkrankung ab.

Wie läuft die Implantation ab?
Der Eingriff wird in örtlicher Betäubung durchgeführt und dauert zwischen 20 und 60 Minuten. Wir machen an der betäubten Stelle einen kleinen Hautschnitt und suchen eine größere Vene als Zugang zum Herzen. Über diese Vene schieben wir eine oder mehrere Sonden zum Herz und bringen sie unter Röntgenkontrolle in eine geeignete Position. Anschließend überprüfen wir, ob der Schrittmacher problemlos funktioniert. Ist das der Fall verbinden wir das Kabel mit dem Schrittmacheraggregat, das unter der Haut fixiert wird. Der Hautschnitt wird wieder zugenäht und der Eingriff ist beendet.

Inwiefern schränkt ein solches Gerät im alltäglichen Leben ein?
Er behindert per se nicht. Um die Welt reisen, Sport treiben – man kann damit alles machen. Der Schrittmacher stellt sogar sicher, dass der Patient genauso fit bleiben kann wie vor seiner Erkrankung. Die einzige Einschränkung besteht darin, dass sich Patienten mit älteren Herzschrittmachern nicht einem starken elektromagnetischen Feld (wie zum Beispiel einer Magnetresonanztomografie (MRT)-Untersuchung) aussetzen dürfen. Moderne Herzschrittmacher sind auch MRT-tauglich.

Wie häufig müssen Sie die Herzschrittmacher Ihrer Patienten kontrollieren?
Die erste Kontrolle führen wir meist nach zwei bis drei Monaten durch. Die weiteren Kontrollen erfolgen zweimal jährlich. Die Haltbarkeit eines Schrittmachers ist davon abhängig, wie viel er arbeiten muss. Er passt zwar 24 Stunden am Tag auf, muss aber nicht immer elektrische Impulse abgeben. Wenn eine große Impulsstärke erforderlich ist, ist die Batterie schneller leer.

Welche aktuellen Entwicklungen gibt es in der Schrittmacher-Forschung?
Seit einigen Jahren wird an einem Schrittmacher geforscht, der direkt im Herz verankert werden kann und deshalb kein Kabel benötigt. Wir gehörten zu den ersten Krankenhäusern, die dieses Gerät vor circa zwei Jahren erstmals implantiert haben.