22.06.2018 08:50 // Hygiene-App mit revolutionärem Potenzial

Eine neue Software für Computer und Smartphones soll die Versorgung von Patienten mit multiresisten Erregern verbessern und Mitarbeiter noch besser schützen.

Fast wäre sie im Sand verlaufen: Die Idee von einer Software, die die Hygiene im Krankenhaus, in Arztpraxen oder in Pflegeheimen revolutionieren könnte. Als der Laborarzt ging, der die Idee vor Jahren ins Spiel gebracht hatte, geriet die Software zunächst aus dem Blick. Doch Prof. Dr. med. Axel Stachon, Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Westpfalz-Klinikum, griff sie auf und erkannte ihr Potenzial. „Die Idee ist gut. Die Idee ist sogar so gut, dass wir sie hier im Haus umsetzen sollten“, sagte er. Deshalb entwickelte er in Zusammenarbeit mit der Hochschule Kaiserslautern den Prototyp einer Hygiene-App, die jetzt kurz vor dem Testlauf steht.

Die Software, die sowohl auf Computern als auch auf Smartphones installiert werden kann, soll Ärzten und Pflegern helfen, den Status von Patienten mit multiresistenten Erregern wie MRSA oder VRE zu dokumentieren – von der ersten Diagnose bis zur Beseitigung. Außerdem soll sie darüber informieren, wie die Keime bekämpft werden können und welche Maßnahmen zum Infektionsschutz getroffen werden müssen. „Ziel der Hygiene-App ist es, die Versorgung von Patienten mit solchen Keimen zu verbessern“, erläutert Prof. Axel Stachon. Aber auch die Mitarbeiter sollen dadurch besser geschützt sein.

Die Dokumentation beginnt bereits bei der Aufnahme. Kommt ein Patient ins Krankenhaus, der Risikofaktoren wie chronische Wunden oder Antibiotika-Therapien aufweist, wird er als Verdachtsfall in der Hygiene-App erfasst. Das Labor-Ergebnis fließt dann unmittelbar in die App ein. Bei einem positiven Befund gibt die Software notwendige Maßnahmen wie Salben, Körperwaschungen und Kontrollabstriche vor. Wird der Patient auf eine andere Station verlegt, können Ärzte und Pfleger dort nahtlos weiterarbeiten. Und auch Transportdienste, Pflegeheime, Reha-Kliniken oder Arztpraxen, mit denen der Patient nach seiner Entlassung in Kontakt kommt, bekommen auf diesem Weg alle notwendigen Informationen.

Mangelnder Informationsfluss im aktuellen System

Bislang läuft die Dokumentation so ab: Wenn das Labor bei einem Patienten einen multiresistenten Erreger festgestellt hat, informiert es die Krankenhaushygiene per Fax darüber. „Wir markieren den Patienten dann in der Datenbank Orbis mit einem roten Ausrufezeichen“, sagt Dr. Thomas Ecker, Leiter der Krankenhaushygiene. „Das heißt: Achtung, hier gibt es ein Problem!“ Wer auf das Ausrufezeichen klickt, erfährt um welchen Keim es sich handelt. Weitere Informationen gibt es im Orbis jedoch nicht. Wer mehr wissen will, muss sich in der Patientenakte schlau machen oder im Hygieneplan nachschlagen.

Ein weiterer Schwachpunkt des aktuellen Systems, so Dr. Thomas Ecker, ist der Informationsfluss. Zum einen erfährt die Krankenhaushygiene meist nicht, wenn ein Hausarzt einen Patienten mit einem multiresistenten Erreger einweist und kann ihn demzufolge auch nicht markieren. Zum anderen bekommt die Krankenhaushygiene häufig auch nicht mitgeteilt, wenn der Keim beseitigt ist. So behält der Patient auch weiterhin sein rotes Ausrufezeichen.

App erinnert an Schutzkleidung und Hygienemaßnahmen

Verglichen mit dem aktuellen System hat die Hygiene-App einen unschlagbaren Vorteil: Über einen Computer oder ein Smartphone kann jeder auf alle relevanten Informationen zugreifen. Die Datenübermittlung läuft auf digitalem Weg. Krankenhausintern passiert das über eine eigens dafür eingerichtete Dienstleistungsplattform. Extern können die Patientendaten per QR-Barcode zwischen mobilen Endgeräten weitergegeben werden. „Wir erwarten, dass der Informationsaustausch dadurch nachhaltig verbessert werden kann“, sagt Prof. Stachon. Unnötig lange und teure Isolationszeiten sollen auf diese Weise vermieden werden. Eine Kostenersparnis fürs Haus.

Doch die App erleichtert nicht nur den Informationsaustausch. Sie hat auch eine Erinnerungsfunktion. „Wer sie aufruft, bekommt angezeigt, was wann zu tun ist und was wann zu dokumentieren ist“, erläutert der Chefarzt. Dabei richtet sie sich nach den hygienerelevanten Leitlinien des Robert-Koch-Instituts, die im System gespeichert sind. Beispiel: Methicillin resistenter Staphylokokkus aureus (MRSA), ein Keim, der bei Menschen mit einem schwachen Immunsystem Infektionen verursachen kann. Hier erinnert die App an Schutzkleidung wie Schutzkittel, Einweghandschuhe und Mund-Nase-Schutz sowie an Hygienemaßnahmen wie Händedesinfektion vor und nach dem Kontakt mit MRSA-Patienten.

Auch wenn noch unklar ist, wie die Hygiene-App finanziert wird und wer die aufwändige Pflege des Systems übernimmt – der Prototyp soll noch in diesem Jahr im Westpfalz-Klinikum installiert werden. Die Idee soll nicht noch einmal in Vergessenheit geraten. Die Programmierung der Software übernimmt die Hochschule Kaiserslautern. „Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass das entwickelt wird, was in der Praxis gebraucht wird“, erklärt Prof. Stachon. Der Chefarzt ist überzeugt davon, dass die Hygiene-App erfolgreich sein wird. Sogar die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin hat schon ihr Interesse geäußert.